Eine deutsch-polnische Initiative will das Boberhaus des bekannten Architekten Prof. Hans Poelzig in Lwówek Śląski (Löwenberg) wiederaufbauen. Ein maßstabgerechtes Modell soll dafür werben.

Wer aus Richtung Berlin ins Hirschberger Tal fährt, kann den Weg über die idyllische Löwenberger Schweiz und die kleine Kreisstadt Lwówek Śląski wählen. Die am Fluss Bóbr (Bober) gelegene Kleinstadt liegt etwa 35 Kilometer von Jelenia Góra (Hirschberg) entfernt. Sie rühmt sich einer der ältesten Brauereien Europas, die im Jahre 1209 gegründet und nach längerem auf und ab seit kurzem von den bekannten Craftbier-Brauern von Doctor Brew aus Wrocław (Breslau) betrieben wird.

Von der einst sehenswerten Löwenberger Altstadt wurde im Zweiten Weltkrieg und in der Nachkriegszeit ein großer Teil zerstört. Nur wenige historische Bürgerhäuser, einige Sakralbauten und Teile der Stadtmauer mit zwei Tortürmen blieben bis heute erhalten. Das eindrucksvollste Bauwerk ist das Löwenberger Rathaus mit seinem mächtigen Turm, dessen Geschichte bis ins 14. Jahrhundert zurückreicht. Der bekannte Architekt Prof. Hans Poelzig, der unter anderem als Direktor der Breslauer Kunstgewerbeschule wirkte, schuf Anfang des 20. Jahrhunderts einen mit Arkaden versehenen Anbau. Während das Rathaus den Zweiten Weltkrieg nur mit geringen Schäden überstand, brannte ein anderer Poelzig-Bau in den letzten Kriegstagen bis auf die Grundmauern ab. Eine Initiative möchte an die bedeutende Geschichte des Bauwerks erinnern und setzt sich für einen Wiederaufbau ein.

Poelzig hatte 1909 den Auftrag erhalten, für den Löwenberger Apotheker Max Zwirner ein repräsentatives Wohnhaus zu erbauen.  Die im volkstümlichen Stil entstandene Villa oberhalb des Bober war zunächst als „Haus Fichteneck“ bekannt. Nach Zwirners Tod musste seine Ehefrau das stattlich Anwesen 1926 verkaufen. Erworben wurde es von der Schlesischen Jungmannschaft, die zum bündischen Jugendverband Deutsche Freischar gehörte. Das Gebäude wurde in Boberhaus umbenannt und diente in den folgenden Jahren der Jugendarbeit, anfangs auch für ausländische Jugendliche.

Eng verbunden mit dem Boberhaus war auch Helmut James Graf von Moltke, später einer der führenden Köpfe der Widerstandsgruppe des Kreisauer Kreises. Er fand dort auch weitere Mitstreiter seines Kreises. Dem Beirat des Hauses gehörten unter anderem der Schriftsteller Gerhart Hauptmann und der SPD-Abgeordnete und Reichstagspräsident Paul Löbe an. Im Jahr 1937 übernahm die NSDAP das Gebäude, beendete endgültig die fortschrittliche Jugendarbeit und nutzte das Gebäude später als Jugendherberge, Wehrmachts-Lazarett sowie Lager für Zwangsarbeiterinnen.

Nach dem Krieg verblasste die Erinnerung an die einstige Bildungsstätte. Dann nahm sich ein deutsch-polnisches Projekt des Boberhauses an. Der Städtepartnerschaftsverein aus dem sächsischen Heidenau befasste sich gemeinsam mit dem LTR Lwówek Śląski mit der Geschichte des Hauses. Gemeinsam stellte man vier zweisprachige Erinnerungstafeln auf, von denen sich eine nahe der Ruine an der ul. Polna befindet, eine weitere unweit des Rathauses.

Aus der erfolgreichen Zusammenarbeit entwickelte sich die Idee, ein „Boberhaus II“ nach dem Vorbild des alten Boberhauses als Europäisches Jugendhaus neu entstehen zu lassen. Nach Angaben von Mitinitiator Werner Guder zeigten Politiker beider Länder, wie der Löwenberger Landrat Daniel Koko oder Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer, bereits Interesse für die Idee.

Modellbauer Rainer Dierchen erstellte ein originalgetreues Modell des Boberhauses im Maßstab 1:87. Es soll zunächst auf Reisen geschickt werden, um für die Idee des Wiederaufbaus zu werben, und dann seinen festen Platz in Löwenberg finden. Werner Guder erhofft sich für seine Initiative eine ähnliche Wirkung wie beim Bethaus Schönwaldau. Hier warb man auch mit einem Modell des Gebäudes für den Wiederaufbau. Schließlich gelang es dank vieler Spender, eine Kopie des Bethauses im Schlosspark von Łomnica (Lomnitz) wiederentstehen zu lassen.

Weitere Informationen zu dem Projekt bei Werner Guder, Tel. 0351/2815616, werner.guder@gmx.de