„Das grenzt an ein Wunder“, war gleich mehrfach im wiederaufgebauten Bethaus in Łomnica (Lomnitz) zu hören. Man habe „eine fast vergessene Geschichte wieder aus dem Verborgenen herausgeholt“, betonte Schlossherrin Elisabeth von Küster zur feierlichen Eröffnung des Fachwerkbaus. Zu der waren Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer, sein niederschlesischer Amtskollege Cezary Przybylski sowie zahlreiche weitere politische und geistliche Würdenträger Anfang Juli nach Lomnitz gekommen.

Der Fachwerkbau fügt sich harmonisch in das Ensemble der beiden Schlösser, des Parks und des Gutshofs in Lomnitz ein, fast so, als habe er dort schon seit Jahrhunderten gestanden. Dabei befand sich das ursprüngliche Gebäude einst rund 30 Kilometer entfernt in Rząśnik (Schönwaldau). Dort war das Bethaus nach dem Zweiten Weltkrieg langsam verfallen. Die letzten Balken wurden gerettet, konserviert und in Lomnitz wieder verbaut. Das neu entstandene Bauwerk erinnert ein wenig an die Friedenskirchen in Świdnica (Schweidnitz) und Jawór (Jauer), die zum Welterbe der UNESCO zählen.

Ähnlich wie die sehr viel größeren und älteren Friedenskirchen sind auch die Bethäuser typisch für Niederschlesien. Dort war der evangelischen Bevölkerung zu Zeiten der Habsburger nur sehr zögerlich und unter großen Auflagen der Bau von einigen wenigen Gotteshäusern zugestanden worden. Nachdem die Region zu Preußen gelangte, erhielten die ländlichen Gemeinden ab 1742 die Möglichkeit, eigene evangelische Bethäuser zu bauen. In kurzer Zeit entstanden mehr als 200 einfache Gotteshäuser aus Fachwerk und Lehm. Erst später durften auch Glockentürme ergänzt und die Bethäuser offiziell als Kirchen bezeichnet werden.

Viele der für die Region typischen Bauten sind im Laufe der Jahrhunderte verfallen, andere wurden bis zur Unkenntlichkeit verändert, so dass heute kaum noch etwas an ihre Geschichte erinnert. Die ursprüngliche Kirche in Schönwaldau war bereits 1920 bei einem Brand zerstört worden, danach aber in ähnlicher Form mit Fachwerk wiederaufgebaut worden. Als auch dieses Bauwerk zu verschwinden drohte, startete der Verein zur Pflege Schlesischer Kultur (VSK) gemeinsam mit den Schlossbesitzern von Lomnitz die ungewöhnliche Rettungsaktion. Die Reste des verfallenen Baus wurden gesichert, um ihn in Lomnitz wiederauferstehen zu lassen.

Bereits vor neun Jahren wurde vor dem barocken Hauptschloss in Lomnitz der Grundstein für den Wiederaufbau gelegt. Der gestaltete sich aber schwierig, das ganze Projekt drohte zu scheitern. Doch am Ende schaffte Elisabeth von Küster mit vielen Mitstreitern aus Polen und Deutschland das, was Ministerpräsident Kretschmer zur Eröffnung als „völlig verrückte Idee“ bezeichnete – einige der zusammengefallenen alten Balken wurden zum Teil des originalgetreu wiederaufgebauten Bethauses. Damit wird heute nicht nur an ein Stück europäischer Geschichte erinnert, sondern man kann auch die historischen Bautechniken des 18. Jahrhunderts studieren. So lobte Cezary Przybylski denn auch das Projekt als wichtigen Beitrag zum Aufbau der regionalen Identität in Niederschlesien.

Die beiden großen Emporen und die historischen Kirchenbänke erinnern an den ursprünglichen Zweck des einstigen Sakralbau. Doch das Gebäude, das mehr als 200 Gästen Platz bietet, soll als Ort für Konzerte, Lesungen sowie für Begegnungen genutzt werden. Gleichzeitig beherbergt es eine spannende multimediale Ausstellung mit dem Titel „Schlesische Bethäuser – Schlesische Toleranz“.

Rund ein Jahr lang haben die beiden Berliner Ausstellungsmacherinnen Ellen Röhner und Ulrike Treziak zusammen mit ihrem polnischen Kollegen Leszek Różański Materialien zu den 34 Bethäusern gesammelt, die es allein im damaligen Kreis Hirschberg-Jauer rund um Lomnitz gab. In 34 Kurzfilmen gehen sie dem Schicksal jedes einzelnen dieser Gebäude nach. Acht weitere Filme widmen sich den beiden großen christlichen Konfessionen in Schlesien seit der Reformation, ihrem Gegen- und Miteinander und dem Entstehen der Bethäuser. Genutzt wurden für die multimediale Präsentation auch Arbeiten des 1690 geborenen Zeichners Friedrich Bernhard Werner. Er hatte es sich zur Aufgabe gemacht, sämtliche schlesische Bethäuser nur wenige Jahre nach ihrer Entstehung zu zeichnen.

Mit dem Bethaus und seiner neuen multimedialen Ausstellung wird das touristische Angebot rund um Schloss und Gut Lomnitz weiter ausgebaut. Bereits im vergangenen Jahr war im barocken Hauptschloss eine multimediale Dauerausstellung über 300 Jahre Geschichte des Schlosses und seiner Bewohner eröffnet worden, die sich seitdem zu einem Publikumsmagneten im Hirschberger Tal der Schlösser und Gärten entwickelte. Wie im Schloss können sich die Besucher nun auch im Bethaus mit eigenen Smartphones oder Leih-Tablets ihr individuelles Programm aus dem mehr als zweistündigen Filmmaterial zusammenstellen. Sämtliche Filme sind in deutscher, polnischer und englischer Sprache verfügbar. Der Eintritt ist frei.