Geschichte und Gegenwart

Aus dem Dornröschenschlaf erweckt

In den alten Schlössern im Hirschberger Tal regt sich neues Leben

Schildau, Fischbach oder Erdmannsdorf sind Namen, die bis vor kurzem kaum jemand kannte. Dabei waren es im 19. Jahrhundert In-Plätze des europäischen Hochadels. Heute heißen die Orte Wojanów, Karpniki und Mysłakowice. Seit dort ein Schlosshotel nach dem nächsten öffnet, strömen immer mehr Touristen ins liebliche Vorland des polnischen Riesengebirges.

Berühmte Baumeister wie Karl-Friedrich Schinkel und der geniale Parkgestalter Peter Joseph-Lenné schufen im 19. Jahrhundert für die königliche Familie und andere Adelige eine einzigartige Schlösser- und Parklandschaft. Rund um die heutige Kreisstadt Jelenia Góra (Hirschberg) gibt es etwa drei Dutzend Burgen und Schlösser, so viele wie nirgendwo sonst in Europa auf ähnlicher Fläche. Nach dem Zweiten Weltkrieg bröckelte die Pracht, die Schlösser verfielen, die Parks verwilderten und das Hirschberger Tal geriet in Vergessenheit. Einige polnische und deutsche Idealisten haben Dornröschen wieder wachgeküsst.

Wer heute den Palast von Wojanów (Schildau) betritt, reibt sich verwundert die Augen. Wo noch vor wenigen Jahren eine abgebrannte Ruine stand, empfängt ein leuchtend weißes Traumschloss mit vier mächtigen Türmen seine Gäste. Einst lebte dort Prinzessin Luise, die Tochter des Preußenkönigs Friedrich-Wilhelm III., der ganz in der Nähe sein Sommerschloss besaß. Anders als Luise können heutige Gäste einen großen Swimmingpool, Sauna und Beautybereich nutzen. Seit der von Lenné geschaffene Schlosspark vom Wildwuchs befreit ist, gibt eine Sichtachse wieder den Blick zur Schneekoppe frei, der schon die romantischen Dichter und Maler des 19. Jahrhunderts begeisterte.

Nur wenige Meter Luftlinie von Wojanów, am anderen Ufer des Bober-Flusses, liegt der Palast von Łomnica (Lomnitz), wo vor fast 20 Jahren das zweite Leben des Tals begann. Damals waren Elisabeth und Ulrich von Küster zum ersten Mal aus Berlin zum Schloss ihrer Vorfahren gefahren. Die beiden jungen Leute griffen beherzt zu, kratzten für das verfallene Anwesen ihre Ersparnisse zusammen, verscherbelten das Familiensilber und bauten Schritt für Schritt die Ruinen wieder auf. Im ehemaligen Witwenschlösschen entstand ein Hotel, das barocke Hauptschloss bietet prächtige Räume für Feste und Ausstellungen. Im sanierten Gutshof kann man regionale Produkte erwerben und genießen.

Über gleich zwei Schlosshotels verfügt der charmante Ferienort Staniszów am Rande des Riesengebirges. Das frühere Stonsdorf ist die Heimat des gleichnamigen Kräuterlikörs. Im oberen Teil des Ortes eröffneten Agata und Wacław Dzida vor einigen Jahren im barocken Anwesen der Grafen von Reuss ihren Pałac Staniszów. Eine von dem Paar gegründete Stiftung fördert Künstler aus der Region, organisiert Ausstellungen und veranstaltet Konzerte im Ballsaal sowie im weitläufigen Schlosspark. Perfekt entspannen können sich die Gäste im neuen Wellnessbereich mit großem Pool, der im Vorwerk des Schlosses entstand. Ein weiteres fürstliches Refugium befindet sich im unteren Teil von Staniszów. In dem kleinen Palais auf dem Wasser (Pałac na wodzie) entstanden 12 Gästezimmer und ein Restaurant.

Wer die Ruhe und den Komfort eines Schlosses mit dem Stadtleben verknüpfen möchte, ist im Pałac Paulinum gut aufgehoben. Die von viel Grün umgebene Anlage liegt auf einem Hügel am Rande von Jelenia Góra, der lebendigen Metropole der Riesengebirgs-Region. im 19. Jahrhundert wurde der Palast im Stil der Neorenaissance für einen reichen Fabrikanten erbaut, später diente er zeitweilig als Offizierscasino, bevor nach umfangreicher Sanierung hier ein Hotel mit 27 komfortablen Zimmern entstand. Im Danziger Saal, ausgestattet mit hanseatischen Stilmöbeln, können die Gäste Spezialitäten der traditionellen polnischen Küche genießen und sich im Wellnessbereich bei exotischen Massagen verwöhnen lassen.

So vielseitig wie die Landschaft am Fuße der sagenumwobenen Schneekoppe, so vielfältig präsentieren sich auch die Schlosshotels. Wirkt Schloss Lomnitz eher familiär und bodenständig, hat sich der benachbarte Pałac Wojanów zu einem beliebten Business- und Wellnesshotel entwickelt. Schloss Stonsdorf zieht mit seinen Konzerten und Ausstellungen zahlreiche Kulturliebhaber an. Im barocken Pałac Śpiż von Miłków (Arnsdorf) schenkt man selbst gebrautes Bier aus. Die Villa Smyrna, ein kleiner Fabrikantenpalast im Zentrum von Kowary (Schmiedeberg) empfiehlt sich Motorradfahrern als Standort zur Erkundung der Riesengebirgslandschaft und bietet ihnen den entsprechenden Service.

Eine Besonderheit bildet der Palast von Pakoszów (Wernersdorf). Früher wurden im Erdgeschoss des Barockbaus Leinen gebleicht, während sich darüber die repräsentativen Wohnräume des Fabrikherren sowie der prächtige Ballsaal befanden. Eine Familie aus dem Saarland hat den früheren Familienbesitz erworben. Ihnen schwebte ein Hotel vor, in dem sie sich auch selbst wohlfühlen können. Dieser Plan ist ihnen gelungen. Das Haus stellt eine perfekte Verbindung von Tradition und Moderne dar. Farbenfroher barocker Schmuck paart sich mit minimalistisch klaren Formen ganz in Weiß. Designerräume mit freistehender Badewanne harmonieren bestens mit dem illusionistisch ausgemalten barocken Ballsaal.
Ein Ende des Booms ist nicht abzusehen. Schon steht mit dem Wasserschloss von Karpniki (Fischbach) ein neuer Prachtbau vor seiner Vollendung. Prinz Heinrich, der Bruder des Preußenkönigs Friedrich Wilhelm III., hatte dort einst seine Sommerresidenz. Teile des historischen Interieurs blieben erhalten und so können die Gäste des exklusiven Boutiquehotels ein wenig die Atmosphäre des 19. Jahrhunderts nacherleben.

Im Vorwerk des Schlosses von Bukowiec (Buchwald) soll ein Schul- und Bildungszentrum mit preiswerten Unterkünften entstehen. Das Schloss gehörte einst dem Grafen von Reden, der zusammen mit seiner Frau das Hirschberger Tal zu einem Treffpunkt von Künstlern und Adeligen gemacht hatte. Der von ihnen angelegte Park gilt als erste romantische Parkanlage Schlesiens. Die im Laufe der Jahrzehnte völlig verwilderte Anlage wird Schritt für Schritt wieder in ihren ursprünglichen Zustand zurückversetzt. Verantwortlich dafür ist die Stiftung der Schlösser und Gärten des Hirschberger Tals, die sich der Pflege und Wiederherstellung des einzigartigen Kulturraums verschrieben hat. Auf Initiative der Stiftung wurden bereits elf Residenzen in die Liste der Historischen Gedenkstätten Polens aufgenommen. Ziel der Stiftung ist es, dass das Tal der Schlösser und Gärten Eingang in die Liste des UNESCO-Welterbes finden soll.
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